Fräulein Liv auf der Suche nach dem (Essens-)Glück - Oder auch: gibt es vegane Pescetarier?

Heute ist Weltvegantag. Und heute möchte ich mit euch eine kleine Geschichte teilen, eher etwas persönlicheres, ohne Rezept, DIY oder anderen Schnickschnack.
Das wird ein sehr ehrlicher - und wahrscheinlich auch sehr langer Text, aber ich würde mich dennoch freuen, wenn ihn sich der ein oder andere zu Gemüte führt und sich vielleicht auch selbst erkennt. Das soll keine Predigt oder irgendwelcher Beeinflussungskram werden - ich möchte einfach nur etwas von mir erzählen und meinem Versuch, einen Ernährungsweg für mich zu finden, der sich mit meinem Gewissen und meinen Lebens- und Genussumständen vereinbaren lässt.
Und wer am Ende des Textes dennoch denkt "Das ist einfach vollkommener Blödsinn, was die da labert!" darf das natürlich trotzdem gerne auch weiterhin denken.



"Ein Ernährungsweg, der sich mit meinem Gewissen und meinen Lebens- und Genussumständen vereinbaren lässt."

Ich muss gestehen, dass ich nie der Typ war, der sich leicht an irgendwelche Vorsätze halten konnte. "Jetzt esse ich keine weniger nur noch ein bisschen eigentlich genauso viel wie immer Schokolade." "Jetzt esse ich mehr zumindest etwas mehr auch eigentlich so viel wie immer Obst und Gemüse!"
Versteht mich nicht falsch - ich bin niemand, der sich jeden Abend die Fertigpizza in den Ofen haut (urgs) oder mit Tüten kocht (doppelurgs), aber jemand, der zwar die Bio-Eier im Supermarkt kauft, sich dann aber zwei Regale weiter den Speck für 99 cent in den Korb wirft. Den könnt ich sogar direkt aus der Packung essen (oh Gott ist Speck genial).

Gleichzeitig bin ich der Typ Mensch, der bei Schweinen einen Quietschanfall bekommt (Oh Gott sind die zuckersüüüß!) und all die Lämmer, Schafe, Rinder, Kühe, Enten, Gänse und was nicht sonst noch alles kreucht und fleucht sind ja auch echt niedlich.

"'Boahr ist das Schweinchen süß!', sagte sie und biss in den doppel-Bacon-Burger."

Und da liegt der Knackpunkt. Dieser Mensch war ich schon immer, aber bisher hat es mir nichts ausgemacht. Ich war wie die meisten - Tiere yay - (Supermarkt-) Fleisch doppelyay! 
Wie gesagt - Speck ist meine große Liebe. Hallo? Dieser Duft von knusprigem Speck. Allein davon läuft mir immer noch das Wasser im Mund zusammen.


Allerdings hat sich in den letzten Wochen etwas geändert. Den größten Ausschlag gab sicherlich das Foodbloggercamp in Berlin und Sophia mit ihrer so herzlichen Art und Weise, die vegane Welt zu erklären und Lina-Maria, die zeigt, dass es ganz leicht auch ohne Milch geht!

Als ich am Sonntagabend nach Hause kam, gab es Lasagne. Und sie war köstlich. Und gleichzeitig (bis auf zwei Ausrutscher, auf die ich gleich ziemlich weit unten noch zu sprechen komme) das letzte Mal, dass ich seitdem Fleisch gegessen habe. 

Es gibt bei mir einen ganz einfachen Grundsatz: Was ich nicht selber töten könnte, esse ich nicht.
Das klingt so barbarisch und irgendwie ein wenig psychisch gestört, aber ich glaube, dass beschreibt am besten, wie ich mich dabei fühle.
Keine Angst, ich laufe hier nicht mit der Armbrust herum und schieße auf die nächste Taube. Mhmm Brathähnchen...
Fisch (aus kontrollierten und nachhaltigen Beständen) esse ich übrigens dennoch - wenn auch nur in sehr geringer Häufigkeit - wahrscheinlich 3-4x pro Monat, wenn es überhaupt hochkommt und ich es mir leisten kann (ja - guter Fisch kommt nicht gerade für 99 cent aus dem TK-Fach). Und nein, ich argumentiere jetzt nicht mit Dingen wie "Fisch ist so gesund, den muss man essen!" - ich sage einfach: ja, dass bedeutet, dass ich einen Fisch töten kann. (Ich möchte jetzt nicht über das Wort töten philosophieren - aber das ist schon ein verdammt gewaltiges Wort und dafür gibt es keine Beschönigungen).

Gleichzeitig habe ich nun im letzten Monat alle Bestände an Milch, Eiern, Käse, Schoki etc. aus meinem Kühlschrank aufgebraucht (die letzten Eier sind zum Beispiel für das Death Eater Dessert drauf gegangen - und die Schoki für den Honigtopf - sehr gute Wahl!). Denn ja - wie ihr euch schon denken könnt - ich möchte auch auf diese tierischen Produkte gerne verzichten. Bei Milch und Eiern ist dies kein großes Problem für mich  - ersteres habe ich eh schon so gut wie immer mit Sojamilch oder anderen Sachen ausgetauscht, letzteres kam meistens eh nur in den Kuchenteig und lässt sich auch ganz wunderbar durch andere Dingen ersetzen.

"Du bist jetzt also so ne vegan-pescetarische-Mischform. Kann ich dich da überhaupt noch irgendwohin mitnehmen?"

Zu Hause funktioniert das alles ganz großartig. Doch wie macht man es nun, wenn man unterwegs ist? Sonja von The Whitest Cake alive - die sich übrigens nun zwei Wochen vegan ernähren möchte - schrieb folgendes:
"Allmählich ahne ich wie schwierig es sein kann, wenn man eine Zeit lang auf alles Tierische in seinem Essen verzichten möchte. Du musst dir alles genau überlegen, gut planen und viel nachfragen. Wenn du auswärts eingeladen bist, musst du dich erst einmal informieren ob es da überhaupt etwas für dich gibt oder ob du im Zweifel schwarzen Kaffee trinken musst (bäh!). Und du hast das Gefühl dich immer erklären zu müssen."

Ich gestehe (nein - eigentlich ist es kein Geständnis, denn ich muss mich hier nicht rechtfertigen) - ich sage euch: auch wenn Leipzig erst letztens als die veganerfreundlichste Stadt (bis 500.000 Einwohnern) erklärt wurde, werde ich mich unterwegs nur in soweit vegan ernähren, wie es mir möglich ist. Zu Hause vegan, draußen mindestens vegetarisch/pescetarisch
Eben wie es zu mir und meinen Lebens- und Genussumständen passt. 
Auch werde ich zwar Omas mit Liebe zubereiteten Weihnachtsbraten ausschlagen, aber nicht die Klöße mit Soße und Rotkraut, die sie gemacht hat. Lebens- und Genussumstände.

Das ist mein eigener Weg über den ich mir wirklich Gedanken gemacht habe - und ich weiß, dass es da draußen viele Menschen gibt, die jetzt gerne die Keule rausholen und mich mit 'Du bist ja gar kein vollwertiger Veganer/Vegetarier!' betiteln möchten. Und ganz ehrlich: das sind dann meistens die Leute, mit der (gar nicht so veganen) TK-Pizza im Nacken. 
Alle Veganer, die ich bis jetzt kennengelernt habe, waren die offensten und unvoreingenommensten Personen, wenn es um das Thema Ernährung ging. 



"Die sind sozusagen die Schweiz! (Danke Mella & Anhang!)"

Zum Beispiel Arne von The Veg(etari)an Diaries, den ich bei dem tollen Bloggerevent von Burgis kennengelernt habe und meine liebste Kalinka von Kalinka's Kitchen, die ich auch dort wiedersah.
Mit beiden habe ich mich über die vegane Lebensweise und ihre Erfahrungen damit ausgetauscht und beide meinten:
"Iss was du willst, du wirst es eh nie jedem recht machen können."

Und geht es nicht darum? Soll man es sich nicht nur sich selbst recht machen, solange man es auch vor sich selbst rechtfertigen kann? 

"Lass es mich doch erstmal mir selbst recht machen."

Ein Bekannter, der sich selbst zwar nicht vegan oder vegetarisch oder sonst irgendwie 'anders' ernährt (als wären solche Ernährungsformen so viel anders..) meinte zu mir:
"Mehr als darüber nachzudenken und eine Entscheidung zu treffen, kann man nicht machen. Und das machen die wenigsten. Kurz gesagt: gut gemacht."

Ich bin weder ein 'vollwertiger' Veganer noch komplett vegetarisch. Auch kein 'vollwertiger' Pescetarier, denn die essen ja Eier und Milch. Ich bin ich - und ist so eine Mischform nun schlimmer oder kritischer zu betrachten und zu kommentieren, als wenn ich einfach weiter Fleisch gegessen hätte? Ich denke nicht - und hoffentlich denken all die keulenschwingenden Trolle da draußen das gleiche!

"Fettnäpfchen sind so fast mit die großartigsten Dinge, von denen man lernen kann."


Und weil Fettnäpfchen für alle immer so toll sind, hier gleich zwei, die zeigen, dass es (zumindest für mich) erstens echt schwer ist, seine Gewohnheiten abzulegen und zweitens manchmal echt schwer ist, etwas vegetarisches auf der Karte zu finden, wenn man nicht so genau weiß, was drin ist.
Fettnapf Nummer eins: auf dem Marende-Dating von Südtirol hatte ich nach 1-2 Gläsern Wein plötzlich so eine Fleischpraline auf so einem hübschen kleinen Teller in der Hand und war schon bei der Hälfte, als mir einfiel.. Mensch, da war doch was!
Zweites Näpfchen: Beim Burgis Event saßen wir im Wirtshaus Pschorr und ich habe mir voller Freude eine echt bayrische Grießklösschensuppe bestellt (angemerkt: auf der Karte stand "Grießklösschensuppe mit Gemüseeinlage"!). Erst im Zug zurück nach Hause habe ich dann im Kochbuch des Goodie Bags nachlesen können, dass die Grießklösschensuppe traditionell mit Fleischbrühe gemacht wird. Nun ja, wer wäre ich, wenn mir sowas nicht passieren würde ;)

So - das war es nun, mein Beitrag zum Weltvegantag.
Ich bin sehr gespannt, wo mich das ganze hinführen wird und würde mich freuen, wenn ihr mich auch auf diesem Weg weiterhin begleiten werdet.

Auf jeden Fall wünsche ich euch ein wunderbares Wochenende! ♥

gezeichnet: eine Liv, die beim Geruch von Bacon immer noch ganz wuschig wird, dann aber doch lieber das kleine Schweinchen kuschelt!